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Friedrich L. Sell war nach Professuren in Gießen (1991-1992) und Dresden (1992-1997) von Januar 1998 bis März 2020 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Gegenwärtig ist er Dozent, Studienleiter und Mitglied im Vorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geld- und Währungspolitik, Theorie und Politik der Einkommensverteilung sowie Themenstellungen aus der Makro- und der Arbeitsmarktökonomik. Er schreibt seit 1995 regelmäßig in deutschen und ausländischen Printmedien.

Das Corona-Virus und das Angst-Virus: Eng verwandt und doch nicht das gleiche!

Guten Morgen VWA!

Die Meldungen über das Ausbreiten des Corona-Virus klingen nun auch für Europa immer bedrohlicher: Nach Ländern wie Iran, Japan und besonders Südkorea weist nun auch Italien schnell ansteigende Zahlen von Infizierten auf. Virologen, Epidemiologen, Klinikdirektoren, Gesundheitsminister, die WHO, kurz: alle für die Materie gewissermaßen einschlägigen Akteure bemühen sich verzweifelt darum, die (noch nicht) ausgebrochene Pandemie einzudämmen. Nun hat das Corona-Virus aber auch ganz ausgeprägte negative wirtschaftliche Effekte: Die Schließung von Werken bzw. ganzer Produktionsstätten, das Ausbleiben von Teilen der Zulieferer, die zunehmende Immobilisierung von Transportsystemen wie Schiffen, Flugzeugen, der Bahn etc. und vieles anderes mehr senkt die wirtschaftliche Leistung und überträgt sich über weltweite Lieferketten (auch) in (noch) gänzlich unbetroffene Regionen der Weltwirtschaft (letzteres nennt man übrigens auch „pure contagion“). Befürchtet wird ein schwerer Einbruch der (globalen) Konjunktur, wofür es durchaus seröse Hinweise gibt. Das ist aber längst noch nicht alles: Die sich ausbreitende Angst vor dem Corona-Virus ist noch mal ein weiterer, bislang deutlich weniger beleuchteter Aspekt der Krise, den wir hier vorstellen und vertiefen wollen.

 

Es gibt demnach einen doppelten Virus, der für die Weltwirtschaft bedrohlich ist. Neben dem Corona-Virus selbst ist es nämlich die Angst vor dem Virus. Die Angst vor einer Infektion ist im Grunde genommen genauso ansteckend wie die Krankheit selbst, das hat etwa die moderne Erforschung von Gerüchten und ihrer Ausbreitung durch Psychologen und Soziologen ergeben. Das diffuse Gefühl der Angst, das zurzeit Konsumenten und Investoren beschleicht, äußert sich unterschiedlich: Für die Konsumenten wird der Corona-Virus allmählich zu einer Art anonymer, aber zugleich sehr konkreten Bedrohung, wie sie bei einem Ausnahmezustand im Zuge eines Krieges/eines Terrorangriffs oder nach einer Naturkatastrophe (etwa mit möglichen Nachbeben) empfunden wird. Die Folge sind Hamsterkäufe bei Lebensmitteln und zugleich die Verschiebung/Absage von dauerhaften Anschaffungen und von Flugreisen in entlegene Urlaubsgebiete oder die Buchung von luxuriösen, längeren Schiffsreisen. U- und S-Bahnfahrten werden wegen der Ansteckungsgefahr auf das nötigste beschränkt. Man kann vermuten, dass Taxiunternehmen (vor allem bei schlechtem Wetter, wenn das Fahrrad eine schlechte Alternative ist) eine Sonderkonjunktur erleben (werden). Insgesamt geht die uns heute so wichtige Mobilität nach und nach zurück, bei gleichzeitig stark ansteigenden Mobilitätskosten je km. Der Gesamteffekt auf die Nachfrage der Konsumenten ist aber, anders als der bekannte US-Ökonom Olivier Blanchard das einschätzt, eher noch unbestimmt und, a-priori, eben  nicht expansiv.

Für die Investoren verkürzt sich, je größer die Gefahr eine Pandemie wird,  der Planungshorizont empfindlich: langfristige Projekte werden eingefroren oder die Pilotphase wird künstlich verlängert. Die Gefahr von „sunk costs“ (versunkener Kosten), also das Tätigen von nicht mehr oder nur schwer rückholbarer Ausgaben, wird nach Möglichkeit minimiert. Unternehmer nutzen, im Fachjargon der Volkswirte, den „Optionswert des Wartens“. Allerdings, im Falle eines Virus, höchst unfreiwillig. Neue Geschäftsbeziehungen werden (wenn überhaupt) eher zögerlich angebahnt. Die in den letzten zwei Jahrzehnten so zugenommene Zerschneidung von Wertschöpfungsketten in der Produktion/Fragmentierung im Außenhandel (Export und Import von Komponenten statt von endgefertigten Produkten) erweist sich nun als Achillesferse: Schon die Erwartung von Unterbrechungen in den Lieferketten fördert das Horten von Rohstoffen und Montageteilen/eine künstliche aufgeblähte Lagerbildung. Da haben wir dann eine Parallele zu den Hamsterkäufen der privaten Haushalte. Treffen dann die Erwartungen auch noch zu, kommt es endgültig zu Produktionsausfällen. Insgesamt dürfte das Güterangebot eher zurückgehen, da können wir Olivier Blanchard folgen. Dann ist aber unklar, ob das Corona-Virus Stagflation (also eine Kombination von Nachfrageexpansion mit einem Angebotsrückgang, s. o.) auslöst. Berücksichtigen müssen Investoren auch die aktuellen Effekte an der Börse/an den Finanzmärkten insgesamt: Wir haben in den letzten Tagen schon deutliche Rückgänge bei den wichtigen Aktienindizes erlebt. Das Risiko von Panikverkäufen (ein geradezu sprichwörtlicher Ausdruck von Angst) und damit verbundenen Kursstürzen steigt aber mit der Dauer und der Intensität der Pandemie noch weiter an. Mit sinkenden Unternehmenswerten (schon jetzt sind Börsenwerte von zig Mrd. US-Dollar verloren gegangen) reduziert sich abermals die Neigung zu investieren ……

Die Kette ließe sich leicht fortsetzen. Aber: Haben wir denn der Angst nichts entgegenzusetzen? Es ist zunächst einmal ein Versäumnis der Behörden, sich mit der Ausbreitung des Virus, sich aber (bislang) so gut wie gar nicht mit dem Gefühl der Angst und dessen Verbreitung zu beschäftigen. Angst-Experten, wie der Regensburger Ökonom Josef Falkinger, sagen dazu, dass Angst im Vergleich zur Gelassenheit, eine höchst unproduktive Reaktion ist. Trotz Virus und Ansteckung, wieder gelassen zu werden, das wäre es wohl. Gelassenheit setzt aber voraus, wieder Vertrauen in die Zukunft zu schöpfen. Dazu kann Politik einen wichtigen Beitrag leisten: Auch wenn Akronyme zurzeit eine vielleicht “zu gute Saison” haben: Transparenz, Konsequenz und Kompetenz (“TKK”) des politischen Handelns schafft Vertrauen in die Institutionen und in die darin agierenden Personen. Vertrauen ist wahrscheinlich eine besonders gute “Medizin” gegen das diffuse Gefühl der Angst vor dem Corona-Virus!

So weit so gut: Für jemanden, in dessen Umgebung gerade Mitmenschen am Corona-Virus erkrankt sind, klingt die Forderung nach Gelassenheit (mindestens) wohlfeil. Da muss schon etwas dazu kommen. Die Mediziner sagen uns, der beste Schutz für die bislang Nicht-Erkrankten sei ein gut funktionierendes Immunsystem. Das kann doch auch für die Wirtschaft nicht falsch sein?! Die folgenden drei Elemente eines solchen Immunsystems – also wirksame Puffer gegen einen zu großen Absturz – wurden schon während der großen Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 erfolgreich ausprobiert: Kurzarbeit in den besonders betroffenen Unternehmen, eine (jetzt schon in Ansätzen zu beobachtende) weltweite, koordinierte expansive Geldpolitik der großen Notenbanken und gezielte Rettungsaktionen (und keine Gießkannenprogramme) durch die nationalen Finanzpolitiken.

 

Vom Autor dieses Beitrags erschien im Jahr 2001 die Monografie: „Contagion in Financial Markets.“ Cheltenham, UK und Northhampton, MA, USA.

Ebenfalls vom Autor erschien im Jahr 2005 der Beitrag: Angst und Konjunktur. In: Guy Kirsch (Hrsg.), Angst vor Gefahren oder Gefahren durch Angst? Zur politischen Ökonomie eines verdrängten Gefühls. Verlag Neue Zürcher Zeitung: Zürich. Der Beitrag wurde auch in 2005 von Petra Schwarz im Handelsblatt rezensiert.

 

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