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Friedrich L. Sell war nach Professuren in Gießen (1991-1992) und Dresden (1992-1997) von Januar 1998 bis März 2020 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Gegenwärtig ist er Dozent, Studienleiter und Mitglied im Vorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geld- und Währungspolitik, Theorie und Politik der Einkommensverteilung sowie Themenstellungen aus der Makro- und der Arbeitsmarktökonomik. Er schreibt seit 1995 regelmäßig in deutschen und ausländischen Printmedien.

Doppelte Moral in der Deutschen Zivilgesellschaft/Politik?

Guten Morgen VWA!

Wir Deutschen – Entschuldigung für die Verallgemeinerung! – haben eigentlich eine ganz gute Meinung von uns selbst: Wir haben doch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 eine veritable Willkommenskultur entwickelt, wir setzen uns für die Bekämpfung des Weltklimawandels vehement ein, wir feiern - etwa auf evangelischen Kirchentagen - den Zusammenhalt, welchen Religion in unserer Gesellschaft immer noch stiften kann…

Das klingt gut und schön, leider ist es nicht die ganze Wahrheit. Dazu die folgende Anekdote: In der letzten Juni-Woche 2019 brachte MOMA, das Morgenmagazin der ARD, einen „Servicebeitrag“, in dem gezeigt wurde, wie man mithilfe von mobilen und durchsichtigen Plastiktaschen verschiedene Kleidungsteile, gut voneinander getrennt, schonend und platzsparend im Koffer aufbewahren kann. Keine 24 Stunden zuvor hatte ein Bericht in den „Tagesthemen“ ausgeführt, dass große Teile der Weltmeere inzwischen zu gigantischen Plastikdeponien verkommen sind. Das schädigt zum einen  massiv Pflanzen und Tiere unter und auf dem Wasser. Aber auch wir Menschen nehmen mittlerweile durch den Konsum von Fischen und Meeresfrüchten unter dem Mikroskop gerade noch erkennbare Plastikmoleküle in unseren Zellen auf. Welche Folgeschäden das für unsere Gesundheit haben wird, kann heute noch niemand abschätzen. Ein prompter Anruf meiner Frau bei der Redaktion von MOMA ergab dann folgende Reaktion: „Ich verstehe, was Sie meinen….“. Wirklich? Hatte die Redaktion wirklich verstanden? Und was genau?

Als im Zuge der sogenannten „Zwei-Plus-Vier-Gespräche“ (Teilnehmer: USA, UdSSR, Frankreich, Großbritannien sowie die beiden Teile Deutschlands) im Jahr 1990 Deutschland seine am Ende des 2. Weltkriegs verlorene volle Souveränität wieder erlangte, mahnte der damalige amerikanische Präsident George Bush der ältere die deutschen Politiker, dass Deutschland fortan im Konzert der Nationen auch die volle Mit-Verantwortung für die Sicherheitsarchitektur in der Welt tragen müsse. Die Bundeswehr müsse im Rahmen der Nato viele stärker als in der Vergangenheit in diesen und in deren Dienst gestellt werden. Da nickten die deutschen Politiker heftig. Und weitere Lippenbekenntnisse haben wir seitdem viele gehört. Wo stehen wir heute? Deutschland erreicht einen Quotienten zwischen Verteidigungsausgaben und BIP von unter 1,4%, während wir doch vor Jahr und Tag unseren NATO-Partnern versprochen hatten, eine Relation von 2% zügig herzustellen. Und die heute bekannten Zahlen aus der mittelfristigen Finanzplanung von Finanzminister Scholz lassen in den nächsten Jahren eher noch ein weiteres Absinken der beschriebenen Quote erwarten! Das sind nun wirklich alles andere als glaubwürdige Signale!

Kaum eine Partei, kaum eine Nichtregierungsinstitution in Deutschland, die sich mittlerweile nicht vehement zum Klimawandel bzw. seiner aktiven Bekämpfung bekennt. Bei spontanen Befragungen von Passanten in deutschen Innenstädten durch Funk oder Fernsehen hört man nichts anderes: Gerade die Bürger und Konsumenten sind Feuer und Flamme für dieses Thema. Der rasante Aufschwung der Grünen in den Umfragen hat darin seine wichtigste Triebfeder. Und wir Verbraucher legen natürlich klimafreundliches Verhalten an den Tag. Wirklich? Schauen wir einmal auf den PKW-Verkehr: Jahrzehntelang haben sich die wichtigsten deutschen Autobauer um mindestens folgende zwei Themen gekümmert: Einsparung von Gewicht durch leichtere Bauweise und windschlüpfrige Formung (lange getestet im Windkanal) der Karosserie. Das schlug sich erfolgreich in dem Modellangebot nieder und war auch klimafreundlich, weil damit der Verbrauch an Benzin oder Diesel empfindlich abgesenkt werden konnte. Wer heute auf Stadt-, Landstraße oder Autobahn in Deutschland Auto fährt, bekommt aber etwas gänzlich anderes zu sehen: SUVs (also „Sportive Utility Vehicles“) allenthalben.

Diese Fahrzeuge sind weder leicht noch windschlüpfrig, im Gegenteil. Darüber hinaus nehmen sie viel Platz in Anspruch, etwa beim Beparken der Innenstädte. Sie sind geländegängig, der früher bei Jägern und (echten) Förstern geschätzte Jeep stand offensichtlich bei seiner Entwicklung Pate. Wir brauchen aber weder Innenstadtförster noch Hausfrauen, die mit ihren SUVs die 200 bis 300 Meter bis zum nächsten Edeka zurücklegen, um nach dem Einkauf darin vollbepackte Plastiktüten darin zu verstauen. ...

Der Verkehr gehört in Deutschland ausgerechnet zu jenen Bereichen/Sektoren, dessen Beitrag zur Reduktion der CO2 Emissionen besonders weit hinter jenen Projektionen zurück geblieben ist, die im Hinblick auf das Erreichen von Klimazielen von der Politik aufgestellt wurden. 

 Was diese drei Beispiele gezeigt haben, ist doch folgendes: In unserem Land wimmelt es nur so von uns Gutmenschen, wobei wir möglicherweise doch eher mehr oder weniger lebensgierige, sich selbst-optimierende  Konsumenten sind, gelegentlich mit einer leichten Tendenz zu narzisstischen Störungen. Machen wir uns mal ehrlich: Doppelte Moral ist weder gut für die Verdauung noch für den Schlaf. Soviel Egoismus muss doch erlaubt sein, oder?

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