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Friedrich L. Sell war nach Professuren in Gießen (1991-1992) und Dresden (1992-1997) von Januar 1998 bis März 2020 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Gegenwärtig ist er Dozent, Studienleiter und Mitglied im Vorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geld- und Währungspolitik, Theorie und Politik der Einkommensverteilung sowie Themenstellungen aus der Makro- und der Arbeitsmarktökonomik. Er schreibt seit 1995 regelmäßig in deutschen und ausländischen Printmedien.

Eleganz: Eine Tugend, die verloren gegangen ist?

Guten Morgen VWA!

Unter „Tugenden“ verstanden die alten Römer vornehmlich Eigenschaften, die dazu befähigen, Gesellschaft und Regierung gut zu führen. Sie unterschieden darüber hinaus zwischen „privaten Tugenden“, die sich jeder einzelne Bürger zum Ziel setzen sollte, wie die „Ehrlichkeit“, den „Fleiß“ und das „Pflichtgefühl“, aber auch den „Humor“ und die „Milde“ und solchen Tugenden für den, wie wir heute sagen würden, „öffentlichen Raum“: „Freiheit“, „Sicherheit“, „Gerechtigkeit und „Glück“ (welche die Fortune der politisch Handelnden einschließt) und viele weitere mehr. Aber: Eleganz? Was ist das überhaupt? Und ist sie denn eine Tugend? Ist sie überhaupt greifbar? Woran können wir sie erkennen (ganz nach dem Motto eines bekannten Sozialphilosophen, der nach unverwechselbaren Begriffen gefragt wurde und lakonisch darauf antwortete: wenn ich den besagten Gegenstand vor mir sehe, erkenne ich sofort, was es ist! Na, wer war das? Herausfinden, liebe Leser!)? Eine exakte Definition gewissermaßen umschiffen und doch sichtbar machen, was wir unter Eleganz verstehen wollen, ist gar nicht so schwer. Das französische Kino der letzten, sagen wir 40 Jahre, kann als Demonstrationsobjekt dienen. Aber nicht nur das französische Kino. Und nicht nur das Kino, auch die Politik.

 

Ist also „Eleganz“ eine vergessene Tugend? Vergessen? Nicht ganz. So zitiert etwa eine ganzseitige Werbung für die Uhrenmarke „Longines“ in der spanischen Tageszeitung „El País“ vom 29. Dezember 2019 Simon Baker mit den Worten „Elegance is an attitude“, was man wohl mit „Eleganz ist eine Haltung“ übersetzen könnte. Simon Baker wiederum ist auch ein bekannter und überaus beliebter Schauspieler und Regisseur, aber nicht des französischen, sondern des australischen Kinos und er hat besonders in seiner Rolle als „The Mentalist“ durch seine Eleganz überzeugt…. Was sind denn Symptome oder sagen wir Begleiterscheinungen von Eleganz? Sicher die Leichtigkeit, die Geschmeidigkeit, die Wendigkeit (nicht zu verwechseln mit dem „Wendehals“), die Flexibilität in der Entscheidungsfindung, der Blick für die Situation, den Kontext, und nicht zuletzt: die  Gelassenheit.

Es gibt in diesem Zusammenhang einen wichtigen französischen Spielfilm aus dem Jahr 1981: Die „Wahl der Waffen“ (Le choix des armes), des Regisseurs Alain Corneau. Darin treffen Catherine Deneuve und Ives Montand, damals große Stars des französischen Kinos und selbst Ikonen der filmischen Eleganz  (welche sich Ives Montand wohl auch durch seine jahrzehntelange Bühnenpräsenz als Sänger und Tänzer erworben hatte) auf den damals jungen und ungestümen Gerard Dépardieu. Deneuve und Montand haben sich aus dem städtischen Leben und Lärm zurückgezogen und führen gemeinsam ein Gestüt. Und natürlich sind die Pferde hier eine Allegorie für die Eleganz und Schönheit der Fauna. Montand war einmal selbst in zweifelhafte Geschäfte verwickelt und wird nun durch den Kleinkriminellen Dépardieu unsanft in seine Vergangenheit zurückgeholt. Dieser bricht sprichwörtlich in die Wohnung und das bislang harmonische Privatleben des Paares ein, Montand hat dieser Gewalt zunächst wenig entgegenzusetzen. Diese Szenen schockieren den Zuschauer, Corneau will aber mehr als physische Gewalt zeigen, er deutet auch das Ende der eleganten Figuren im französischen Film an: für Alain Delon, Jean-Luis Trintignant und eben Ives Montand gibt es im neuen französischen Film eigentlich keinen Platz mehr. Jetzt machen sich auch physiognomisch robuste und brachial vorgehende Charaktere wie Eric Cantona („Switch – ein mörderischer Tausch“), Jean Réno („Léon, der Profi“) und eben Gerard Dépardieu (damals noch schlank und kräftig und nicht barock-füllig, wie heute) breit.

Unnötig zu sagen, dass diese Tendenz nicht beim französischen Kino Halt gemacht, vielmehr tief hinein in unsere europäische Gesellschaft gewirkt hat. Gerade in der (u. a. deutschen) Politik macht sich das Verschwinden eleganter Figuren schmerzlich bemerkbar. In Deutschland war der frühere Bundespräsident (1984-1994) Richard v. Weizsäcker sicher ein Paradebeispiel für den eleganten Politiker: redegewandt, auftrittssicher, gebildet (ohne damit anzugeben), selbstbewusst. Alle diese Eigenschaften waren wichtig, um am 08. Mai die vielleicht wichtigste Rede zu halten, die seit 1949 im Deutschen Bundestag vorgetragen wurde. Darin hat v. Weizsäcker uns Deutschen (und damit auch dem Rest der Welt) in Erinnerung gerufen, dass das Ende des 2. Weltkriegs am 08. Mai 1945 ein Tag der Befreiung von den Nazis und nicht der Schmach und der Niederlage gewesen ist.

Aber auch in Interviews zeigte v. Weizsäcker, wie man durch humorvolles, fröhlich-bestimmtes Antworten, dem nach Konflikten um die Ecke fragenden Journalisten den Zahn zieht: So fragte ihn Anfang der 1990er Jahre eine Korrespondentin der BBC, ob Deutschland von nun an (vulgo: nach der Wiedervereinigung) sich nicht entschiedener und energischer gegenüber den europäischen Partnern äußern könne und müsse. V. Weizsäcker erinnerte die Journalistin daran, dass – im Gegensatz zu Großbritannien – Deutschland mitten in Europa von anderen Nachbar-Ländern gänzlich umgeben sei und seine Politik auch an diesem Faktum auszurichten habe.

Und wie hat der elegante Ives Montand den aggressiven Gerard Dépardieu in die „Wahl der Waffen“ am Ende doch bezwungen? Durch Mut und Überlegung. Und die Wahl der geeigneten Waffen. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass Catherine Deneuve in Mitten des Durcheinanders durch den Querschläger eines übereifrigen Polizisten zu Tode kommt. Ein sehenswerter Film, immer noch.

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