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Friedrich L. Sell war nach Professuren in Gießen (1991-1992) und Dresden (1992-1997) von Januar 1998 bis März 2020 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Gegenwärtig ist er Dozent, Studienleiter und Mitglied im Vorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geld- und Währungspolitik, Theorie und Politik der Einkommensverteilung sowie Themenstellungen aus der Makro- und der Arbeitsmarktökonomik. Er schreibt seit 1995 regelmäßig in deutschen und ausländischen Printmedien.

Ungleichheit: Fluch oder Segen? Teil 2

Guten Morgen VWA!

Das, was wir im letzten Blog für die Grundente festgestellt hatten, gilt mutatis mutandis auch für das von der Bundesregierung gerade verabschiedete Klimapaket. Das sogenannte EEG („Erneuerbare Energien Gesetz“) ist dabei immer noch, wenn auch in leicht modifizierter Form (unter anderem soll der Anstieg der EEG-Umlage begrenzt werden), ein Schlüsselelement, das zum weiteren Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland beitragen soll. Man fragt sich, wie eine an Verteilungsfragen „von Hause aus“ interessierte Partei, wie die SPD, nicht längst gegenüber Bündnis 90/Die Grünen und anderen in der Republik auf die problematischen Verteilungswirkungen hoher Strompreise (zu denen die EEG-Umlage ganz wesentlich beiträgt) hinweist: Es sind doch gerade die unteren und mittleren Einkommen, deren Portemonnaie dabei relativ am stärksten belastet wird!

Im letzten Blog hatten wir das Konzept eines Verteilungsgleichgewichts eingeführt. Wenn es so etwas geben sollte – wofür einiges spricht - müsste es irgendwo in den Präferenzen der Haushalte verankert sein. Tatsächlich hat die experimentelle Spieltheorie in der Vergangenheit schon häufiger erfolgreich die Existenz sogenannter „Ungleichheitsaversion“ von Teilnehmern an „Diktator-Spielen“ (den Begriff werde ich hier bewusst nicht erklären - bitte einmal selbst googeln, soviel Eigenbeitrag muss sein!) bestätigen können. Man fühlt sich gewissermaßen unwohl, wenn der eigene Gegenspieler „zu wenig“ vom zu verteilenden Kuchen von mir erhält. Leider hat sich die experimentelle Spieltheorie bislang weitaus weniger (oder: überhaupt nicht?) für ihr logisches Gegenstück, nämlich die „Gleichheitsaversion“ interessiert. Warum nur? Jeder kann doch diese Präferenz im Alltag gut beobachten: Bei sportlichen Wettbewerben, wird sich der Erstplatzierte kaum amüsieren, wenn die Kollegen auf dem „Stockerl“ exakt gleich teure Geschenke erhalten. Im Großraumbüro werden sich die besonders Tüchtigen kaum darüber freuen, wenn sie, bei gleicher Tätigkeit, genauso gut (oder genauso schlecht) wie alle anderen (zum großen Teil eben weniger Tüchtigen) bezahlt werden.

Was einmal wieder beweist, dass der alte Kampfspruch der Gewerkschaften, „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, anreizökonomisch betrachtet, schlicht falsch ist, denn es müsste und muss natürlich „gleicher Lohn für gleiche Leistung“ heißen. Wenn es aber tatsächlich beides gibt, nämlich die „Ungleichheitsaversion“ und auch die „Gleichheitsaversion“, dann erscheint es zwingend logisch, dass nur ein gewisses Maß an Ungleichheit in einer Gesellschaft „stabil“ ist, also so etwas wie ein Gleichgewicht darstellen könnte. Denn gäbe es die im ersten Blog zum Thema Ungleichheit beschriebene völlige Konzentration der Einkommen, so könnte man sich nur Ungleichheitsaversion vorstellen. Bei völliger Gleichheit der Einkommen (dann ist die Konzentration gleich null) - trotz vorhandener Produktivitätsunterschiede – würde dagegen nur Raum für Gleichheitsaversion sein. Quod erat demonstrandum. 

Hier kommt nun wieder die bereits früher bemühte „Lognormalverteilung“ (auch hier bitte mal im Netz nachschauen!) ins Spiel: Da es mehr untere und mittlere als hohe und höchste Einkommen gibt, wird die Ungleichheitsaversion tendenziell dominieren und die Gesellschaft sich insgesamt eine Einkommensverteilung wünschen, die näher bei einem Gini-Koeffizienten ex-post von null als bei einem von eins liegt. Eine einfache Erwartungswertüberlegung lässt uns folgern, dass wir demgemäß mit Gini-Koeffizienten ex-post rechnen können, die geringer als 0,5 ausfallen. Und genau das zeigt auch die Empirie! Dem aufmerksamen Leser ist sicher nicht entgangen, dass wir von einem Gini-Koeffizienten ex-post gesprochen haben: Es gehört bekanntlich zum Wesen sozialer Marktwirtschaften, dass der Staat Marktversagen bekämpft und unerwünschte Ergebnisse des Marktprozesses (wie sie sich u. a. in hohen Werten des Gini-Koeffizienten ex-ante niederschlagen) korrigiert. Eben das tut er mit den Instrumenten von Transfers und Steuern, wobei die höheren und höchsten Einkommen überproportional von der Steuerbelastung betroffen und die unteren und mittleren Einkommen überdurchschnittlich von den staatlichen Zuwendungen/Transfers begünstigt sind. Und da der Staat von Parteien regiert wird, denen wir mehrheitlich unsere Stimmen anvertraut haben, sind es letztlich wir selbst, welche die gewünschte und in diesem Sinne auch gleichgewichtige Verteilung bestimmen.

Neuere empirische Untersuchungen zum Gini-Koeffizienten ex-post (Guo/Sell 2019, in Vorbereitung befindlicher Diskussionsbeitrag, der bald auf meiner Homepage abgerufen werden kann) zeigen, dass einschneidende Krisen, wie etwa die Finanzmarktkrise 2007/2008, die Weltwirtschaftskrise 2009/2010 oder die europäische Schuldenkrise (2010-2015) die Stationarität (ebenfalls diesen Begriff bitte recherchieren) der gewünschten Einkommensverteilung empfindlich stören. Zugleich konnten wir zeigen, dass es innerhalb der EU für den Beobachtungszeittraum 2004 -2017 eine Konvergenz hin zum Durchschnitt der Einkommensverteilung (Gini ex-post) gibt. Diese Tendenz zur Konvergenz ist, wie unsere Studie zeigt, bei den einzelnen Teilnehmerstaaten c. p. umso größer, je länger sie bereits Mitglied in der EU sind.

 

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