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Friedrich L. Sell war nach Professuren in Gießen (1991-1992) und Dresden (1992-1997) von Januar 1998 bis März 2020 Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität der Bundeswehr München. Gegenwärtig ist er Dozent, Studienleiter und Mitglied im Vorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Geld- und Währungspolitik, Theorie und Politik der Einkommensverteilung sowie Themenstellungen aus der Makro- und der Arbeitsmarktökonomik. Er schreibt seit 1995 regelmäßig in deutschen und ausländischen Printmedien.

Verstehen wir eigentlich, wen/was wir mit Trinkgeld belohnen?

Guten Morgen VWA!

Mit den gegenwärtigen Lockerungen, die auch den Besuch von Restaurants und Hotels betreffen, kommt das Thema Trinkgeld wieder auf. Jeder von uns kennt die Situation: Wir haben einen Kaffee getrunken oder ein Mittagessen zu uns genommen. Kopf und Beine sind möglicherweise schwer, der Tag ist vielleicht noch gar nicht zu Ende, jedenfalls rufen wir die Bedienung: Zahlen bitte! Die Rechnung ist klar, der Betrag nicht glatt. Nur aufrunden? Das wäre schändlich. Aber wieviel Prozent geben wir jetzt Trinkgeld? Landläufig sagt man, und das bestätigen Auslandsaufenthalte und der Besuch dortiger Hotels und Restaurants, 10% sind in Ordnung, ja ein Muss. Haben wir uns nicht schon oft dabei ertappt, dass wir mehr oder weniger deutlich unter diesen 10% geblieben sind? Ein verschämtes Lächeln, mehr Kleingeld ist gerade nicht im Portemonnaie, beim nächsten Mal gibt es dafür mehr? Man müsste sich fremdschämen, ginge es nicht um einen selbst, würde Woody Allen möglicherweise bemerken. Wer ein eigenes Kind in Studium oder Ausbildung hat, weiß, dass sich die jungen Leute in der Gastronomie oder Hotellerie gerne etwas dazu verdienen. Grund genug, sie einmal zu befragen. Denn die wissen allemal mehr als wir, was es mit dem Trinkgeld auf sich hat. Die Höhe desselben ist dabei nur ein Punkt unter vielen.

 

Trinkgeld ist nicht gleich Trinkgeld: Es macht einen Unterschied, ob wir unsere Tischbedienung damit für gute Leistungen und freundlichen Umgang mit ihren Gästen belohnen und davon ausgehen können, dass sie unser Trinkgeld nicht nur einstecken, sondern auch behalten darf oder ob ganz andere „Modelle“ zum Zuge kommen.Welche wären das? Nun, wenn wir unseren ersten Fall leicht abwandeln, könnte der Restaurantbesitzer zum Beispiel darauf bestehen, dass eingesammeltes Trinkgeld auf den Cent genau in eine (gemeinsame Kasse) eingezahlt wird. Er wird dann auch den Schlüssel festlegen, wie dieses Geld am Ende aufgeteilt wird. Dabei ist die Distribution nach Köpfen des angestellten Servicepersonals nur eine denkbare Variante. Er könnte auch, sagen wir ein Drittel oder die Hälfte, vorab für sich und seinen Betrieb abziehen. Eine weitere Variante würde zusätzliche Mitarbeiter einbeziehen, wie Köche, Küchenhilfspersonal, bis hin zu Büroangestellten. Wenn wir also unser Trinkgeld locker über den Tisch an die freundliche Bedienung hinüber reichen, wissen wir in vielen (gar in den meisten?) Fällen überhaupt nicht, wo unser Geld landet (bevor es wieder ausgegeben wird). Daher gibt es auch fröhliche Zeitgenossen, welche das Servicepersonal ganz unverblümt danach fragen, ob es denn das Trinkgeld behalten darf.

Es lohnt sich also, die Anbieter und Nachfrager von Trinkgeld zunächst etwa genauer zu betrachten, um schließlich mögliche Rückschlüsse auf die Existenz von Gleichheits- und/oder von Ungleichheitsaversion (wir berichteten in einem unserer früheren Blogs über Verteilungsfragen darüber) zu ziehen.   

Das Angebot an Trinkgeld ist durchaus situationsabhängig. Checken wir morgens aus einem Hotel aus, mit dessen Leistungen wir rundherum zufrieden waren, geben wir Trinkgeld auf die Gesamtrechnung und der Rezeptionist, der es für das Hotel entgegen nimmt, weiß natürlich, dass es nicht ihm als Person gilt. Wenn wir nach einem Essen 10% oder mehr zum Rechnungsbetrag dazu geben, ist die Zuordnung durchaus weniger klar: Wir mochten die fesche Bedienung oder das servierte Essen oder sogar beides. Eher selten werden wir uns davon versprechen, beim nächsten Mal wieder bevorzugt platziert zu sein und bedient zu werden: Häufig gibt es nämlich gar kein nächstes Mal.

Die Nachfrage nach Trinkgeld ist bei wenig unterscheidbaren Tätigkeiten (Du hast Tisch 1 bis 7, ich habe Tisch 8 bis 14) ganz klar leistungsorientiert: Ich erwarte geradezu, wenn ich meinen Job erkennbar besser mache (Geschwindigkeit, Bruchquote beim Geschirr, Fehlerquote beim Aufnehmen der Bestellung etc.) als meine Kollegen/innen auch, dass ich ein höheres Trinkgeld als die weniger Tüchtigen bekomme. Ein klarer Hinweis auf Gleichheitsaversion, denn identische Ex-Post-Ausschüttungen aus einem Gemeinschaftstopf widerstreben mir in einem solchen Fall. Eine Besonderheit liegt vor, wenn der Chef die „besten Tische“ seiner Lieblingsservicekraft vorab „reserviert“. Das ist auch nichts anderes als eine Marktunvollkommenheit. Komplizierter wird es dann, wenn der Gemeinschafts-Topf auch den weniger mit mir direkt vergleichbaren Kollegen/innen gilt, wie den Köchen, Putz- und Aushilfskräften im Restaurant, etc. Wenn wir als Bedienung (vgl. oben) nicht sicher sein können, ob das am Tisch erhaltene Trinkgeld nicht auch der guten Küche und dem blitzeblanken Geschirr galt, werden wir eher einer Art „Gleichverteilung“, also der Topflösung, zustimmen. Wir würden uns sicher nicht gut dabei fühlen, wenn die oben aufgezählten Kollegen/innen völlig leer ausgingen. Ein ziemlich klarer Fall von Ungleichheitsaversion. 

Was lernen wir daraus für die Diskussion um Gleichheitsaversion vs. Ungleichheitsaversion? Je besser und genauer man sich mit anderen vergleichen kann, desto eher wird wohl die Gleichheitsaversion dominieren. Jedenfalls, solange man besser als der Durchschnitt oder der Median ist. Ist man schlechter, so  wird der Ruf nach „Gleichheit“ in der Entlohnung i. d. R. lauter. Wenn man sich weniger gut mit anderen vergleichen kann, die dort erbrachte Leistung aber anerkennt, wird man zu große Unterschiede vermeiden wollen. Es ist doch nichts anderes als die Ungleichheitsaversion, die z. Zt. den Ruf nach besserer Bezahlung von Pflegekräften lauter als sonst ertönen lässt: In der Krise erkennen wir besser, wie wichtig die dort erbrachte Leistung ist.

 

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